Deutscher Tierschutzbund e.V.

Landesverband Bayern e.V.

TIERSCHUTZ
PRESSE-MITTEILUNG

Informationen und Nachrichten des Deutschen Tierschutzbundes,

Landesverband Bayern e. V., für die Medien –

Hier: gemeinsam mit dem Ökologischen Jagdverein (ÖJV) Bayern

Gemeinsame Pressemitteilung vom 5. April 2005

Auf der Messe „Jagen und Fischen“ ab 6. April in München:
Boom bei Reisen, um zu töten – deutsche Trophäenjäger im Ausland

Tierschutzbund Bayern und Ökologischer Jagdverein Bayern (ÖJV) fordern Verzicht
auf Trophäenjagdreisen, auf Hetzjagden und auf Abschüsse von bedrohten Tierarten /
50 Millionen Euro jährlich allein aus Bayern

Wenn am morgigen Mittwoch (6. April) in München die große Messe „Jagen und Fischen“ durch Bayerns Landwirtschaftsminister Miller eröffnet wird, dann ist dies das große Forum für Jagdreiseveranstalter, die in nie gekannter Flut ihre Angebote machen. Wer glaubt, dass er in Bayern nicht ausreichend zum Schuss kommt – und das sind ein Drittel der knapp 50 000 bayerischen Jagdscheininhaber -, reist in die osteuropäischen Staaten, ins südliche Afrika, nach Sibirien, nach Kanada und Alaska und nach Südamerika und gibt dafür durchschnittlich 3 000 Euro aus, lässt sich den „Spaß“ aber im Einzelfall durchaus bis zu 100 000 Euro kosten. Damit bietet allein die bayerische Trophäenjägerschaft einen Markt von geschätzten 50 Millionen Euro pro Jahr, der heiß umkämpft ist: Im Internet finden sich über 73 000 deutsche Seiten mit Jagdreiseanbietern – neben zahllosen Katalogen und Anzeigen in den Fachblättern.

Wer genug Geld hat, findet Umwege, um auch nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen geschützte Tiere – wie Eisbär, Leopard oder Elefant - zu erlegen. Robben finden sich – „dank“ einer uneinsichtigen norwegischen Regierung – seit dem 1. März wieder im Angebot. Für „bescheidenere Ansprüche“ werden die Jagdtiere beispielsweise in Jagdfarmen gehalten. Hetzjagden werden neuerdings immer beliebter. Für Berthold Merkel, Vizepräsident des Deutschen Tierschutzbundes, Landesverband Bayern, mit mehr als 110 000 Mitgliedern in 111 bayerischen Tierschutzvereinen und Dr. Wolfgang Kornder, erster Vorsitzender des Ökologischen Jagdvereins Bayern (ÖJV), hat diese Trophäenjagd nichts mehr mit einer sinnvollen Jagdausübung zu tun. Sie verweisen darauf, dass diese Jagdreisen zum Abschuss seltener Tierarten oder von Trophäenträgern den Artenschutz gefährden. Auch sind sie kein Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung der Jagdländer, denn die horrenden Summen dienen in der Regel nicht den bereisten Ländern, denen der Naturtourismus ohne Jagd ein Vielfaches der Einnahmen aus dem Jagdtrophäentourismus bringen würde.

Bereits 2002 hat der WWF in seiner Studie zur Trophäenjagd im Ausland 2002 festgestellt: Der bei weitem geringere Teil der Einnahmen aus dem Jagdtourismus fließt in die Zielländer. Daran hat sich auch 2005 nichts geändert. Das Wirtschafts-Mythos der Auslandsjagd erweist sich als Illusion: „Der angeblich bedeutende wirtschaftliche Impuls der Jagdgäste im Ausland ist in Wirklichkeit minimal“,  fasst der WWF zusammen. Dies gilt auch für die viel bereisten Jagdtourismusländer in Osteuropa. Und grundsätzlich gilt: „Wohin die Geldströme des Auslandsjagdmarkts fließen, ist meistens nicht transparent.“

Schluss mit der Trophäenjagd – die Forderungen von Tierschutz und ÖJV

Der Deutsche Tierschutzbund, Landesverband Bayern, und der Ökologische Jagdverein Bayern (ÖJV) fordern:

  • die sofortige Einstellung der Trophäenjagd – beispielsweise wegen ihrer negativen  Auswirkungen auf die Altersstruktur der jeweiligen Wildpopulation und ihre Lebensräume,
  • die sofortige Einstellung der Jagd auf bedrohte Tierarten,
  • die Novellierung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) derart, dass keine Ausnahmegenehmigungen für die Trophäenjagd auf geschützte Arten mehr erteilt werden können,
  • die Einstellung von Hetzjagden, die auf Grund fehlender oder nicht eingehaltener Gesetze neuerdings jagdtouristisch im Ausland gepflegt werden.
  • Für ihre Verbände fordern Tierschutz-Vizepräsident Berthold Merkel und ÖJV-Vorsitzender Dr. Wolfgang Kornder die Reiseveranstalter auf, Safaris und andere Jagdreisen auf bedrohte oder seltene Tierarten, Safaris und Jagdreisen, die darauf abzielen, besonders begehrte Trophäen zu erbeuten (Trophäenjagd), und Safaris und Jagdreisen, die zwischen der einheimischen Bevölkerung und den jagenden Gästen eine entwürdigende Kluft im Stile früherer Herrenmentalität schaffen, aus ihrem Angebot zu streichen.
  • Trophäenjagd schadet

    Trophäenjagd ist eine „Jagd“, die sich meist an der Größe oder Besonderheit einer zu erbeutenden Jagdtrophäe – zum Beispiel Stoßzähne, Hörner, Fell-/ Balggröße von seltenen Tieren – orientiert, ohne Rücksichten auf ökologische Einbettungen oder Hintergründe zu nehmen.

    Um möglichst viele der begehrten großen Geweihträger zu haben, müssen entsprechend große Populationen der betreffenden Tiere gehalten werden. So kommt es auf Grund solcher Manipulationen beispielsweise in osteuropäischen Ländern zu einer klassischen Überhege von Rotwild, die enorme Schäden im Wald anrichtet. Auch in Afrika kommt es etwa durch das Herausschießen von besonders großen und alten Trophäenträgern zu Störungen innerhalb der Alterstruktur, die für das Funktionieren der entsprechenden Wildpopulationen wichtig sind. In vielen Ländern ist es zudem aufgrund der Korruption gar nicht möglich, bestehende internationale Artenschutzabkommen einzuhalten.

    Die „Schnäppchenjagd“ hat bereits begonnen

    Dies zeigt ein Blick auf die Angebote, zum Beispiel (gestaffelt nach Preisen):

    • Estland, Wolf, 900 Euro
    • Polen, 4 Jagdtage, garantiert drei Abschüsse Schwarzwild, Rehe, Füchse, 1 500 Euro
    • Russland, 5 Jagdtage, Sibirischer Rehbock, 1 500 Euro
    • Polen (Schlesien), 4 Jagdtage, Rothirsch, 1 700 Euro
    • Russland, 10 Jagdtage, Wolf, 2 000 Euro
    • Polen (Karpaten), 5 Jagdtage, Rothirsch, 2 000 Euro (plus Aufpreis bei Trophäe über 6 Kilogramm)
    • Russland, 7 Jagdtage, Elch, 2 000 Euro
    • Weißrussland, 6 Jagdtage, inclusive kapitaler Keiler, 2 000 Euro
    • Namibia, verschiedene Antilopenarten, bis zu 2 300 Euro (nur Abschussgebühr)
    • Russland, 4 Jagdtage, Sika-Hirsch, 2 300 Euro
    • Kasachstan, 9 Jagdtage, Steinbock, 2 400 Euro (bei großen Trophäen Aufpreise bis zu 4 500 Euro)
    • Litauen, 6 Jagdtage, Sauen und Rotwild, 2 500 Euro
    • Namibia, 5 Jagdtage, incl. Abschuss Kudu, Oryx und Warzenschwein, 2 900 Euro
    • Kirgisien, 7 Jagdtage, Steinbock, 3 000 Euro (bei besonders großen Trophäen Aufpreise bis zu 3 000 Euro)
    • Namibia, Leopard, 4 000 Euro (nur Abschussgebühr)
    • Argentinien, 9 Jagdtage, Puma, 5 000 Euro
    • Australien, 8 Jagdtage, Wasserbüffel, 5 000 Euro
    • British Columbia (Kanada), 7 Jagdtage, Schwarzbär, 5 000 Euro
    • Argentinien, 11 Jagdtage, Rothirsch, 6 000 Euro
    • Nunavat (Kanada), 11 Jagdtage, Moschusochse, 6 000 Euro
    • Kamtschatka (Russische Halbinsel am Pazifik), 11 Jagdtage, Elch, 6 100 Euro
    • Kamtschatka (Russland), 9 Jagdtage, Braunbären 6 700 Euro, Zweitbär plus 3 900 Euro (bei großen Bären über 400 Kilogramm Aufpreise)
    • Grönland, 10 Jagdtage, mit Hundeschlitten auf Moschusochsen, 7 000 Euro
    • British Columbia (Kanada), 7 Jagdtage, Schneeziege, 7 000 Euro
    • Kasachstan, 11 Jagdtage, Maraljagd, 7 000 Euro (Aufpreis bei Trophäen über 14 Kilogramm),
    • Yukon (Kanada), 15 Jagdtage, Braunbär, 10 000 Euro
    • Yukon (Kanada), 15 Jagdtage, Waldbison, 11 000 Euro
    • Alaska, 10 Jagdtage, Küstenbraunbär, 12 000 Euro
    • Nunavat (Kanada), 15 Jagdtage, Eisbär, 23 000 Euro
  • · Darf es etwas besonderes sein: Das Altai-Argali-Schaf und andere „Schmuckstücke“
  • Das Altai-Argali Schaf (Vorkommen in der Mongolei und China) gilt zurzeit als der begehrteste Trophäenträger. Dieses größte Schaf wird bis zu 200 Kilogramm schwer. Die gedrehten Hörner haben eine Schneckenlänge von bis zu 182 Zentimeter (Durchschnitt: etwa 135 Zentimeter) und einen Basisumfang bis zu 53 Zentimeter und werden bis zu 32 Kilogramm schwer. Für diesen Abschluss mussten bereits vor Jahren um die 50 000 Euro investiert werden. Nachdem die Regierung der Mongolei den Abschuss auf ein Fünftel, das sind nur noch 30 Stück pro Jahr, reduziert hat, dürfte der Preis mittlerweile im sechsstelligen Bereich liegen.

    Weiterhin „in“ ist die Jagd auf die legendären „Big Five“ Afrikas, also Löwe, Leopard, Büffel, Nashorn und Elefant. Die Preise dafür werden nur auf Anfrage mitgeteilt, doch ist bekannt, dass eine 14-tägige Büffel- und Antilopenjagd gut 20 000 Euro, eine 21-tägige Elefanten- und Raubkatzenjagd gut 40 000 Euro kostet. Der Abschuss von Elefanten kostet zwischen 29 000 Euro (Simbabwe) über 39 000 Euro (Namibia) bis zu 50 000 Euro (Tanzania). Da kann man sich beim Afrika-Besuch auch sicher noch ein Springböckchen (Abschussgebühr: 100 Euro) leisten

    Weiter hoch bewertet im Angebot ist auch das Nashorn, einschließlich des Weißen Nashorn. Die angeblich überalteten Bullen stammen oft aus Nationalparks und sind für 40 000 Euro zu haben.

    Da sind Eisbären für 25 000 Euro schon fast ein Schnäppchen. Soviel kostet eine Abschuss-Lizenz, die von den Inuit („Eskimos“)erworben werden kann. Im Nunavat-Territorium (Kanada) wurde die jährliche Abschussquote auf 35 Tiere erhöht (von bisher 18).

    Besonders begehrt ist auch das California Big Horn Schaf im Norden Amerikas. Seine Trophäen bringen es auf eine Länge von 110 Zentimeter und einen Basisumfang von 50 Zentimeter. Preise gibt es nur auf Anfrage, aber mit 20 000 Euro muss man rechnen.

    Wem das noch nicht genug ist: Es gibt ein neues Betätigungsfeld. Seit dem 1. März 2005 hat die norwegische Regierung 2 100 Robben – fast ein Fünftel des Bestandes – für Jagdtouristen zum Abschuss freigegeben.

    Artenschutz gilt nicht für Trophäenjäger

    Wer denkt, Tiere, die dem Washingtoner Artenschutzabkommen (WA, englisch: CITES) unterliegen, seien für Trophäenjäger tabu, unterliegt einem Irrtum. Bedrohte Tierarten stehen hoch im Kurs, und das WA toleriert im Rahmen bestimmter Quoten die Trophäenjagd selbst auf ansonsten streng geschützte Arten wie Gepard, Leopard, Nashorn, Elefant, Puma, Braunbär, Eisbär und Wildschaf.

    Nach den amtlichen deutschen WA-Jahresberichten erbeuteten deutsche Jäger innerhalb von acht Jahren Trophäen von mindestens 6 000 Tieren aus 55 geschützten Tierarten. Darunter befanden sich zum Beispiel 130 Geparde, 290 afrikanische Elefanten, 490 Leoparde, 500 Flusspferde, 100 Pumas, 480 Braunbären, 80 Eisbären und 80 Wildschafe.

    Besonders schlimm: Hetzjagd feiert fröhliche Urständ

    In Großbritannien ist die Fuchsjagd endlich verboten. Doch vor allem in den Ländern Osteuropa blüht das Geschäft mit der Hetzjagd. Bei dieser Art der „Jagd“ werden schnelle, hochläufige Hunde (vor allem auch Windhunde) eingesetzt, die - bei Sicht auf das Wild - das Wild so lange hetzen, bis es vor Erschöpfung nicht mehr weiter flüchten kann und dann - sofern nicht vorher ein Jäger darauf geschossen hat - von den nachfolgenden Hunden gerissen wird. Die Hetzjagd findet im offenen Gelände statt.

    In Russland und anderen europäischen Feudalstaaten der letzten Jahrhunderte war die Hetzjagd das besondere Privileg der Herrschenden und reicher Magnaten und - bei bis zu 300 eingesetzten Hunden in einer Jagd - Höhepunkt jagdlichen Vergnügens. Heute wird dieses Reise- und Jagderlebnis interessierten Jägern in Russland und anderen GUS-Staaten als „Aktivurlaub“ angeboten und verkauft. Ab 1 300 Euro pro Jäger inklusive eventueller Abschussquoten, teilweise auch billiger, ist das Event buchbar. „Solche Jagd bereitet echten Jägern Seelenvergnügen“, wirbt einer der Veranstalter im Internet für diese echte Barbarei.

    Herzliche Grüße

    Berthold Merkel

    Pressesprecher

    N.b: Für Rückfragen erreichen Sie:

    • Berthold Merkel, Vizepräsident des Tierschutzbundes Bayern, unter den Rufnummern (089) 4126 2302 oder 0170-83 64 082
    • Dr. Wolfgang Kornder, Vorsitzender des ÖJV Bayern, unter der Rufnummer (09842) 95 13 70
  • Herausgeber: Deutscher Tierschutzbund - Landesverband Bayern e. V. 
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