Tierbörsen in Deutschland Drucken
Montag, 13. Dezember 2010 um 14:10 Uhr

Tierbörsen:

Tiere vom Wühltisch - Dokumentation zeigt erschreckende Missstände auf Börsen in ganz Deutschland

Auf deutschen Tierbörsen herrschen gravierende Missstände in punkto Tierschutz. Dieses Fazit ziehen der Deutsche Tierschutzbund und die Artenschutzorganisation Pro Wildlife nach der Untersuchung von 32 Tierbörsen in ganz Deutschland. Experten der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes und von Pro Wildlife haben über das Jahr verteilt verdeckte Kontrollbesuche durchgeführt. „Die Zustände auf vielen Börsen sind erschütternd. Tiere sind in winzige Boxen gestopft, leiden an Hunger, Durst, Stress und Enge", berichtet Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer Deutscher Tierschutzbund. Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife ergänzt: „Nahezu alle Tierschutzvorgaben werden missachtet, selbst kranke und verletzte Tiere stehen zum Verkauf. Schockierend ist auch, dass es vielen Amtstierärzten an Engagement oder Fachwissen fehlt, um einzuschreiten." Die beiden Verbände legten nun dem für Tierschutz zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) eine umfassende Dokumentation vor und fordern das Ministerium auf, Konsequenzen zu ziehen.


Vom Kaninchen bis zur Kobra ist alles zu haben: Hunderte Tierbörsen finden Wochenende für Wochenende in deutschen Städten und Dörfern statt. „Es herrscht das reinste Chaos. Die Tiere werden in winzige Plastikboxen, Wäschekörbe, Weinkisten oder Leinensäcke gestopft", so Altherr. „Gewerbliche Händler tingeln von Börse zu Börse, so dass ein Teil der Tiere tage- und wochenlang in diesen Behältnissen ausharren muss", kritisiert Schröder. „Eine 2006 veröffentlichte Leitlinie zur tierschutzkonformen Durchführung von Tierbörsen hat in der Praxis kaum Verbesserungen gebracht, deshalb müssten konsequenterweise Tierbörsen generell untersagt werden. Zumindest sollte eine rechtsverbindliche Verordnung für Abhilfe der Zustände auf Tierbörsen sorgen", heißt es als Aufforderung der beiden Verbände an das BMELV.

 

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Bild:wf

Kaninchen bei Eiseskälte ungeschützt Zugriffen ausgesetzt
 
Die zahlreichen Kleintier-, Fisch- und Vogelbörsen, die in Hinterhöfen, Fabrikhallen und auf Wochenmärkten stattfinden, erinnern an mittelalterliche Zustände. Die Tiere werden, egal ob bei eisiger Kälte oder brütender Hitze, in allseitig offenen Käfigen oder Becken ohne Sichtschutz oder Rückzugsmöglichkeiten den Besuchern vorgeführt und zum Schleuderpreis angeboten. Futter oder Wasser ist Mangelware. „Oft wurden uns unaufgefordert eingeschüchterte Kaninchen in die Hand gedrückt, um uns dadurch zum Kauf der Tiere zu überzeugen. Was wir in diesem Jahr an verängstigten, gestressten Tieren gesehen haben, egal ob Wellensittich, Kaninchen oder Degu ist kaum noch zu zählen", so der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes. „Bei Fischen sind es besonders die Mengenrabatte, die uns Sorge bereiten, da sie den Wert des Einzeltieres in Vergessenheit geraten lassen." Auch Qualzuchten, wie Haubenenten, Papageienbuntbarsche oder Nacktmeerschweinchen finden sich im Angebot der Börsen. 

Chamäleons in Frischkäseschachteln

Exotische Haustiere sind „en vogue" - entsprechend boomt der Markt mit afrikanischen Igeln, Echsen und Fröschen aus Südamerika, Schlangen und Schildkröten aus Asien. Doch diese Tiere sind eigentlich Wildtiere. Sie sind sehr stressanfällig und stellen hohe Anforderungen an Klima, Platz und Futter. „Wildtiere stecken in nackten kleinen Plastikboxen - ohne jegliche Rückzugsmöglichkeit. Häufig fanden wir Wühlkisten vor, in denen die Wildtiere den Zugriffen der Besucher hilflos ausgeliefert waren. Igel werden ständig aus dem Schlaf gerissen und als Besucherattraktion herumgereicht", berichtet die Pro Wildlife Sprecherin. „Bei vielen Reptilien und Amphibien handelt es sich zudem noch immer um Wildfänge. Nach einem langen Martyrium vom Fang über Transport und Zwischenhändler werden sie hier dann in Tupperdosen als Massenware zu Dumpingpreisen verramscht."

 

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Bild:wf

Zuletzt aktualisiert am Montag, 13. Dezember 2010 um 14:46 Uhr